Spiritualität wiederentdecken

 
 

Wir leben in einer Konsum- und Leistungsgesellschaft,

in welcher zentral die individuelle Entfaltung und Befriedigung steht. Brauchen unsere Kinder und Jugendlichen in dieser modernen Welt noch Spiritualität? Oder reicht als Basis für ein erfülltes Leben gute Schulung mit Leistungsbereitschaft und Sozialkompetenz?

Hans-Rudolf Stucki, Psychotherapeut und Theologe, zeigt an Beispielen aus seiner Praxis und an Hand der Schilderungen von Müttern, wie und warum Kinder und Jugendliche eine spirituelle Dimension suchen und leben. Er illustriert das zusätzlich mit eindrücklichen Zeichnungen und Texten von Kindern. Unter Spiritualität versteht der Autor, dass ein Mensch über sein Ich hinaus einen tieferen Bezug sucht, eine Verbundenheit mit den Mitmenschen, mit der Natur, zu einem grösseren Ganzen. Und er zeigt Eltern und Erziehenden, wie sie den Kindern und Jugendlichen lebenswichtige Räume öffnen, wenn sie deren Spiritualität in einem allgemein ethischen oder spezifisch christlichen Denken durch die Entwicklungs-jahre begleiten.

 

Der Arzt und Theologe Hans-Rudolf Stucki geht davon aus, dass der Kern zur spirituellen Entwicklung ähnlich wie zur kognitiven, emotionalen und sozialen in jedem Menschen von klein auf angelegt ist. Zur gesunden Entfaltung dieser Anlage brauchen Kinder und Jugendliche erwachsene Gegenüber, die sie in ihrem Fragen und Suchen fördernd unterstützen, ohne sie dadurch einzuengen.

Wissenschaftlich fundiert erklärt Stucki den Begriff Spiritualität und erläutert diesen sowohl basierend auf der christlichen Tradition wie auch religionsunabhängig bzw. im Kontext anderer Religionen. Er zeigt, wie sich spezifische Merkmale von Spiritualität in den unterschiedlichen Entwicklungsstufen manifestieren können. Seine Erkenntnisse dokumentiert er mit ausgewählten Studien und zahlreichen Beispielen, die er mit Sorgfalt interpretiert.

Basierend auf einer jahrzehntelangen Erfahrung als Kinder- und Jugendpsychiater und mit grossen Einfühlungsvermögen in das Empfinden der Kinder und Jugendlichen beschreibt der Autor die Tiefgründigkeit und oftmals existenzielle Notwendigkeit spirituellen Erlebens, deutet das Beschriebene achtsam und lässt dabei Raum für die Subjektivität spiritueller Erfahrung.

Reflexionsfragen sowie praktische und aufgrund der vorhergehenden Überlegungen gut nachvollziehbare Empfehlungen und Anregungen rund die Kapitel jeweils ab und machen das Buch so zu einem hilfreichen Ratgeber für Erziehende und Bezugspersonen. Das Buch ist leicht zu lesen und überzeugt durch fachliche Differenziertheit, seine Einfühlsame Sprache und grosse Behutsamkeit, mit der der Autor sowohl dem Menschen in seiner Einzigartigkeit wie auch dem Geheimnis Spiritualität begegnet.

Presse - Rezension: Magazin INSIST 4/15 - Evelyne Zahnd

Stucki Hans-Rudolf, Kind, Elternverlust und Seelsorge, Theol. Lizenziatsarbeit, 2003

Weitere Publikationen

Wenn ein Psychiater ein Buch schreibt, in dem der Begriff «Spiritualität» im Titel vorkommt, dann beginnen Theologinnen und Theologen meist sehr skeptisch mit der Lektüre – wenn sie denn das Buch überhaupt zur Hand nehmen. Der Begriff meint oft genug alles und nichts, und das möglichst nicht zu christlich.

Aber Hans-Rudolf Stucki ist nicht nur Arzt mit einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, sondern auch Theologe. Und er definiert Spiritualität schon im ersten Kapitel als «den Bezug zu etwas, was der Mensch hier auf Erden als ihm übergeordnet erfährt, beispielsweise zu etwas Grösserem, Ganzheitlichem», wobei es sich aber «um eine Leben fördernde Grösse handeln» muss.

Diese sehr weitgefasste, aber trotzdem konkret vorgestellte Spiritualität versucht Stucki in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nachzuverfolgen, und er macht dies an drei Kriterien fest: Spiritualität zeigt sich in existenziellen Fragen, in einem Bezogensein auf eine grössere Wirklichkeit und in einer Selbsttranszendenz bzw. Selbstvergessenheit, in der man sich dieser Wirklichkeit nähert. Stucki macht keinen Hehl daraus, dass er das Christentum als einen in unserem Kulturkreis naheliegenden spirituellen Weg sieht, aber letztlich ist für ihn diese Spiritualität in jeder Religion zu finden. Dies macht es auch kirchendistanzierteren Leserinnen und Lesern leicht, Zugang zu diesem Buch zu finden.

Stucki illustriert seine Thesen mit vielen Beispielen aus der Praxis, die viele Mütter und Väter immer wieder an eigene Erlebnisse mit ihren Kindern erinnern mögen. Wenn er dann Anzeichen von Spiritualität schon bei Zweijährigen findet, so kann man natürlich solche Momente von Selbstvergessenheit oder grossem Staunen auch anders deuten. Stucki versteht die frühkindliche Vorstellung von einem grösseren Zusammenhang auch als Teil des Entdeckens der wirklichen Welt, und so ist für ihn Spiritualität und Wissen kein Gegensatz, sondern geeint im Schritt vom Ich zum Anderen.

Hilfreich ist Stuckis Gedanke, dass weniger die Spiritualität selber sich entwickelt, sondern vielmehr deren Ausdruck als religiöse Sozialisierung. Stucki appelliert an die Eltern, diese Sozialisierung selbstkritisch zu reflektieren und – sei es nun allgemein ethisch oder religiös – aktiv zu unterstützen. Sie eröffnen so den Kindern und Jugendlichen einen Deutungshorizont, in dem diese sich und ihr Verhältnis zu den anderen einbetten können.

Es ist deswegen nachvollziehbar, dass Stucki Spiritualität und den bewussten Umgang damit als wichtige Ressource betrachtet, auch wenn ich selber dann die gesundheitsfördernde Rolle von Religion wesentlich kritischer sehe.

Dass aber der in der Entwicklung des Kindes angelegte Bewegung «weg vom Ich» eine spirituelle und heilsame Dimension innewohnt, die in vielen Religionen begegnet und zu «Lebenswerten und zu Lebenswertem» führt, das zeichnet Stucki praxisnah und differenziert nach. Es ist eine Freude, eine so behutsame Studie zu lesen, die – in der Fülle erschreckender und desillusionierender Nachrichten über Religion – gerade deren Weite und Lebensoffenheit betont. Spiritualität, auch und gerade in ihrer christlichen Ausdrucksform, eröffnet Lebensräume für Kinder und Jugendliche, die auch die Welt der Erwachsenen weiter werden lassen. Stuckis Buch macht nachdenklich und motiviert Eltern und Lehrer/innen, ihre Kinder auch in dieser Beziehung ernst zu nehmen und zu fördern.

Rezension erschienen in: Schweizerische Ärztezeitung 2015;96(25):938

Presse - Rezension: Schweizerische Ärztezeitung 2015;96(25):938 - Christina Aus der Au

Das Buch ist im rex verlag erschienen. Es ist im Buchhandel und online erhältlich.